Samstag, 4. Juni 2005

Der Outdoor-Sozialismus

100 Jahre Naturfreunde - ihr erstes Haus stand auf dem Säntis

Die Naturfreunde Schweiz feiern ihren hundertsten Geburtstag. Auch in der Ostschweiz fand diese aus dem sozialistischen Geist geborene Bewegung Anklang. Die erste Schutzhütte stand auf dem Säntis.

Ralph Hug

1905 wurde der Touristenverein Naturfreunde Schweiz in Zürich gegründet. Die Naturfreunde-Bewegung hatte in Wien ihren Ausgang genommen. Ihr Ziel war, die Arbeitermassen aus den staubigen Fabriken in die gesunde Natur zu holen und sie so zu neuen, freien Menschen zu formen. «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor» lautete der Slogan, der Lebensreform und Sozialismus miteinander verband.

Ferien waren damals noch unbekannt. Die Sechstagewoche mit bis zu 60 Stunden Arbeitszeit liess den Lohnabhängigen kaum Freizeit. Erst als die Linke mit dem Generalstreik von 1918 den Achtstundentag durchsetzte, ergab sich ein Zeitbudget für Ausflüge, Wanderungen und Bergtouren. Da sich Arbeiter aber Hotel- und Pensionsaufenthalte nicht leisten konnten, investierten die Naturfreunde alle Energie in den Bau von eigenen, günstigen Unterkünften und Massenlagern - Voraussetzung für den proletarischen Gang in die freie Natur.

Schutzhütte und Sporthaus

Die Ostschweizer hatten dabei die Nase vorn. Bereits 1906 entstand die Ortsgruppe St. Gallen, die wie der Zentralverein vom unermüdlichen Schriftsetzer Ferdinand Bednarz gegründet wurde. 1912 wurde die landesweit erste Naturfreundehütte auf dem Säntisgipfel gebaut. Es war eine Schutzhütte, sie bot Bergsteigern eine einfache Zuflucht. Bald gab es in St. Gallen auch ein Sporthaus, in dem es günstige Sport- und Freizeitartikel zu kaufen gab. Nach und nach bauten die Naturfreunde im ganzen Land Hütten und Häuser für ihre Mitglieder in Fronarbeit. Später wurden sie zu komfortableren Einrichtungen auch für Gäste erweitert. Als 1934 die Säntisbahn in Betrieb ging, ersetzten die St. Galler Naturfreunde ihre Schutzhütte durch ein Ferienhaus mit 120 Plätzen. Der Aufstieg der Bewegung begann, als sich ab Mitte der 30er-Jahre auf breiter Basis arbeitsvertragliche Ferien ausbreiteten. Erstmals schien so etwas wie ein Volkstourismus für alle möglich. Der einstige Kampfruf «Berg frei!» schien endlich für alle realisierbar. Die Durchsetzung dieser Idee war aber umstritten, da sie ein neues Selbstverständnis der einstigen Selbsthilfebewegung erforderte. Zudem standen ihre beiden Hauptverfechter, Mathis Margadant und Theo Pinkus, den Kommunisten nahe, was in der antikommunistischen Nachkriegszeit zu ständigen Diskussionen führte.

Noch immer vital

Das Volkstourismus-Konzept wurde auch von den Gewerkschaften verfolgt und gipfelte in der Gründung eigener Ferienheime sowie der Schweizerischen Reisekasse (Reka), die heute noch zu den grossen Anbietern familienfreundlicher Ferienwohnungen zählt. Die Auseinandersetzungen bei den Naturfreunden um den Volkstourismus bescherten der Bewegung erstmals Identitätsprobleme. Diese spitzten sich später noch zu, als die Zielsetzung des Sozialismus überholt schien. Auch stand man unter dem Druck, die teils veraltete Infrastruktur zu erneuern. Später wandelten sich die Naturfreunde zum Umweltverband mit ökologischen Anliegen. 1980 wurden die höchsten Mitgliederzahlen erreicht. Der St. Galler Kantonalverband zählte über 1600 Mitglieder, der Thurgauer fast 700. In jüngster Zeit hatten die Naturfreunde mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und internen Auseinandersetzungen um die Geschäftsführung zu kämpfen.

Buch «Engagiert unterwegs»

Im Kanton St. Gallen sorgten die Wirren ums Zwingli-Zentrum in Wildhaus für Schlagzeilen. Ein Rückblick auf die Geschichte zeigt aber, dass die Bewegung immer noch vital ist und ihren Platz unter den Umweltorganisationen zu behaupten weiss. Davon zeugt nicht zuletzt der zum 100. Geburtstag erschienene Band «Engagiert unterwegs. 100 Jahre Naturfreunde Schweiz» von Beatrice Schumacher aus dem Hier + Jetzt-Verlag, in dem man sich über die Naturfreunde-Geschichte orientieren kann.

Zauberformel Volkstourismus

Tourismus zählt zum Kerngeschäft der Naturfreunde. Doch was ist Tourismus und was verstehen die Naturfreunde darunter? Das wird erstmals zur grossen Frage, als in den 1930er-Jahren der Ruf nach «Ferien für alle» durch Europa schallt. Auch in der Schweiz hoffen Tausende von Arbeiterinnen und Arbeitern auf erschwingliche Ferienfahrten. Das Schlagwort «Volkstourismus» macht die Runde. Und plötzlich scheinen die alten Naturfreunde-Ideale, die den Arbeiter in die Natur locken wollten, auf dass er zum Kulturmenschen werde, über-holt. (rhu)

Beatrice Schumacher «Engagiert unterwegs. 100 Jahre Naturfreunde Schweiz». Verlag hier+jetzt, Baden, 2005, Fr. 39.80

Copyright © St.Galler Tagblatt
Eine Publikation der Tagblatt Medien